Geht seinen Weg: David Milzow

Erstmalig einem größeren Publikum präsentierte sich Saxophonist und Komponist David Milzow 1996 im Rahmen des Sparkassen-Wettbewerbes Winning Jazz. Seitdem hat der 29-Jährige konsequent seine Berufsmusiker-Karriere vorangetrieben: Er studierte an der Musikhochschule Hannover, erntete mit seiner Band Reflections About Jazz viel Lorbeeren, wurde international bekannt als Musical Director der Soulpower Band und ist nun mit der Formation The Screenclub nicht wegzudenkender Bestand teil der hiesigen Musikszene. Jüngst überraschte Milzow mit seiner neuen Formation D’n’A Group, die dem Genre Rockjazz eine ganze neue Bedeutung verleiht. Neben den Bandaktivitäten ist Milzow für den Jazz Club als Organisator und Koordinator des Projektes Jazz in School tätig. Besondere Anerkennung erfuhr der Mann, der auch schon mal zwei Saxophone gleichzeitig brilliant zu spielen weiß, im Sommer diesen Jahres. Der ehemalige Miles Davis Weggefährte Dave Liebman hat Milzow auf einen Workshop nach New York eingeladen.

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Jazz over Hannover (JoH): David, seit wann spielt Du Saxophon, wie bist Du zu diesem Instrument gekommen?

Milzow: Ich habe mit zwölf Jahren angefangen Saxophon zu spielen und zwar freiwillig. Ich habe damals Saxophonisten öfters mal im Fernsehen gesehen, die fand ich ziemlich cool, genauso wie die Saxophon-Soli auf alten Rock’n’Roll-Scheiben oder die Titelmusik von Paulchen Panther.

JoH: Gab es Start-Schwierigkeiten?

Milzow: Mein erstes Instrument, so eine China-Tröte, war unfassbar schlecht. Ein „legendäres“ Instrument, das sich vom Hinsehen schon verbiegt. Auch hatte ich zunächst Probleme, einen Saxophon-Lehrer zu finden. In der Schule beispielsweise kam das Instrument nicht vor, war wohl zu exotisch. Die ersten anderthalb Jahre habe ich also alleine gedudelt. Ich orientierte mich an einem Lehrbuch und habe versucht, Platten nachzuspielen. Mein erster Lehrer war schließlich Morten Klein von Tok Tok Tok. Dann klappte es mit einem Platz in der Musikschule Hannover, dort habe ich dann so Sachen wie Tonleitern gelernt. Später kamen Gehörbildung hinzu, und ich habe in der Big Band der Musikschule und mehreren Jazz-Combos mitgespielt. Das hat mich schon vorangebracht.

JoH: Auch hinsichtlich dem Finden eines eigenen Tons, eines eigenen Stils?

Milzow: Das weniger, eher im Gegenteil. Es gab zwar schon mal den ein oder anderen Tipp, was ich mir anhören sollte, was zu meiner Art passen würde. Aber eigentlich gab es mehr Widerstände bei meinem Bestrebungen, einen eigenen Geschmack herauszubilden. Im Lehrbetrieb bin ich immer wieder mit dieser elitären Haltung „wenn du nicht so spielst wie der Lehrer, dann ist es erst mal schlecht“ konfrontiert worden. Das habe ich an der Musikschule erfahren und auch während meines Studiums an der Hochschule für Musik und Theater. Verständnis habe ich für diese Haltung bis heute nicht. Warum lässt man Schüler bzw. Studenten nicht ihren Weg gehen, wenn man merkt, sie können das? Genervt hat mich auch ein gewisses Schubladendenken. Als Jugendlicher zum Beispiel galt ich als Coleman Hawkings und Ben Webster-Fan, der nur das und nichts Modernes spielen könnte.

JoH: Deine musikalische Entwicklung war aber zu dem Zeitpunkt nicht abgeschlossen?

Milzow: Natürlich nicht. Aber manche Zeitgenossen schienen tatsächlich der Meinung zu sein, dass ich mit 16 Jahren am Ende der Fahnenstange angelangt sei und für alle Ewigkeiten nur diese Sachen spielen könnte.
Nach meinen Anfängen, in denen ich vor allem aus dem Bauch heraus gespielt habe, fing ich an, konsequent zu lernen, mir das Saxophonspiel in all seinen Facetten kontinuierlich zu erarbeiten. Das führte dazu, dass ich zu Beginn meinens Studium plötzlich in die „Michael Brecker-Schublade“ gesteckt wurde und angeblich nur modern spielen konnte. Sehr amüsant…

JoH: Nervt das nicht, wenn man immer wieder mit igendjemandem verglichen wird?

Milzow: Früher fand ich es sogar schmeichelhaft, wenn jemand sagte: „Du klingst wie Michael Brecker“. Was mich nervt, ist, in eine musikalische Ecke gesteckt zu werden. Da heißt es: „Der Milzow spielt nur noch modern.“ Was soll das denn heißen? Dass ich nur noch irgendeinen verqueren Freejazz-Kram spielen kann? Dass ich nicht unterhalten kann? Alles Blödsinn!

The Screenclub

The Screenclub

JoH: Wie interpretierst Du Deinen „modernen“ Jazz?

Milzow: Ich spiele mit The Screenclub und mit der D’n’A Group zeitgemäß und aktuell. Wir sind auf einem Stand, der heutigen Hörgewohnheiten entspricht und verbinden das mit Mitteln des Jazz. Aber es gibt immer noch Leute, die modern gleichsetzen mit „kann man nicht anhören“, es sei zu gewagt für ein größeres Publikum. Genau das Gegenteil ist bei uns der Fall! In unserer Musik findet sich viele Zuhörer aus unterschiedlichen musikalischen Ecken wieder, weil wir eben nicht unmodern sind. Lange Zeit gab es in Hannover ja nur Dixieland und Swing zu hören; alles andere galt als modern im sinne von Angst einflößend und unhörbar. Die Haltung hat sich Gott sei Dank geändert. Ein bisschen dazu beigetragen hat dabei auch The Screenclub.

JoH: Welches musikalische Konzept verfolgst Du?

Milzow: Mein Konzept ist: Du kannst Jazz mit einem aktuellem Sound spielen und du bist erfolgreich, wenn du auch dein Publikum mit einbeziehst. Du kannst es schaffen, dass Jazz wieder positiv überrascht. Dann sind Leute auch bereit, mitzugehen, sich auf die Musik einzulassen. Ich habe noch nie erlebt, dass wir auf Ablehnung, auf Desinteresse gestoßen sind.
In Deutschland gibt es zwei Pole. Auf der einen Seite der traditionelle Unterhaltungs-Jazz zum Frühschoppen, der überwiegend von Laienmusikern praktiziert wird und dementsprechend im Niveau daherkommt bzw. hochkommerzielle Sachen, die mit Jazz eigentlich nichts mehr zu tun haben. Auf der anderen Seite ist da diese sehr intellektuelle, sich sehr ernst nehmende Spielweise, bei der man sich als Publikum fragt: „Für wen machen die das eigentlich?“ Ich versuche, mit meiner Musik da die Mitte zu finden, einerseits möchte ich mein Instrument spielen, andererseits auch das Publikum ansprechen. Diese Balance zu finden, ist nicht einfach, funktioniert aber bei uns. Jazz kann durchaus unterhaltend und intelligent sein. Ich sehe da keinen Widerspruch.

JoH: The Screenclub war einige Zeit Teil der Soulpower Band, die eine Reihe sehr prominenter Soul-Künstler begleitet hat. Wie kam es zu dem Engagement?

Milzow: Die beiden damaligen Soulpower-Macher kamen auf Hakan Türközü, den damaligen Screenclub-Keyboearder und mich zu und fragten, ob wir eine Band zusammenstellen könnten. Die Zeit als Musical Direcor dieser Band war für mich schon eine tolle Erfahrung, mit Künstlern wie Lyn Collins oder Clyde Stubblefield spielt man ja nicht alle Tage. Damit haben wir uns als Band einen gewissen Namen erspielt, es kam z.B. die Einladungen, bei James Kakande mitzuspielen. Auch hat die Soulpower-Reihe gezeigt, dass eine bestimmte Art Musik durchaus ihr Publikum hat, der Jazz Club war an allen Terminen ausverkauft. Das hat das ganze Live-Geschäft angekurbelt. Bis 2003 war der Markt für Jazz und Soul völlig tot.

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JoH: Was hast Du in der Soulpower-Zeit gelernt?

Milzow: Ich habe gelernt, wie man auf die Schnelle ein Konzert zusammenbastelt. Die Künstler waren ja immer nur für einen Tag da; es wurde nur einmal geprobt. Das heißt, das ganze wurde mit sehr heißer Nadel gestrickt. Du musstest lernen, im positiven Sinne zu funktionieren, dich in ein Konzept einzufügen. Du musstest schnell begreifen, wie die jeweiligen Künstler ticken, musstest auf sie eingehen. Eine Erfahrung war, dass das alles mit Arbeit verbunden ist, es fliegt dir nichts zu. Du kannst nicht auf die Inspiration warten, sondern musst machen, musst dich um organisatorische Dinge kümmern usw.
Auf der künstlerischen Seite, vom rhtyhmischen Aspekt her war es sehr spannend zu erleben, wie zum Beispiel ein Clyde Stubblefield das angeht. Das hilft heute bei meiner Arbeit mit The Screenclub doch schon sehr.
Nicht zuletzt war die Soulpower-Zeit auch lehrreich was die Bühnenpräsentation betrifft, dass es also durchaus von Vorteil ist, wenn man aus sich herausgeht und ein bisschen Show macht im Sinne von mit-dabei-sein.

JoH: Du hast in Hannover studiert…

Milzow: Ich hatte mich für Hannover entschieden, weil es hier ein paar vielversprechende Dozenten im Saxophonbereich gab und weil ich auch hier eine Band hatte.

JoH: Was hat Dir das Studium für Deinen jetzigen Beruf als Musiker gebracht? Was hast Du davon mitgenommen?

Milzow: Ich habe in der Regelstudienzeit mein Abschluss gemacht, mitgenommen habe ich aber eigentlich nichts. Das Programm, das mir die Hochschule geboten hat, hat mich nicht vorangebracht. Du studierst da so vor dich hin, belegst deine Kurse; aber gerade im Bereich Jazz hätte ich mir das Studium konzeptionell besser und stringenter gewünscht. Auch habe ich an der Hochschule keinerlei Angebote gehabt zu Themen wie GEMA, GVL, wie gehe in die KSK etc., für Berufsmusiker durchaus wichtige Bereiche. Mein Abschluss damals war der eines Musikpädagogen. Vielleicht glaubte man ja, denen diese Sachen nicht vermitteln zu müssen.

JoH: War Dein Aufenthalt jetzt beim Dave Liebman Workshop ergiebiger?

Milzow: Auf jeden Fall. Dieser Workshop hat mich in dem bestätigt, wie ich letztlich mir selber das Saxophonspielen erarbeitet habe. Was hat es an Entwicklungen gegeben, welche Phase folgte worauf? An gewissen Punkten, bei gewissen Themen aber brauchst du einfach einen Input, der dich weiterbringt. Du selbst kannst das nicht wissen. Und diesen Input habe ich in der Hoch?schule nicht erfahren, bei Dave Liebmans Workshop aber sehr wohl.
Diese Woche in New York war für mich ein absolutes Highlight, das hat mich unglaublich vorangebracht. Auch war es für mich eine Standortbestimmung. Wo stehe ich? Was kann ich? Ich habe erfahren, dass ich mich nicht verstecken muss. Das hat mir nicht nur Dave Liebman eindeutig zu verstehen gegeben, der mich für das nächste bereits wieder eingeladen hat. Das hat zum Beispiel auch eine Session in einem New Yorker Jazz Club gezeigt, bei der ich spontan mitgemacht habe. Da standen nur Cracks auf der Bühne und ich hatte keine Mühe mitzuhalten und wurde entsprechend positiv wahrgenommen.
Ich habe in New York gesehen, dass das ganze Üben auch seinen Sinn hat. Ich kann ausdruckstechnisch wie auch instrumentaltechnisch auf internationalem Niveau mithalten. So schön der Applaus eines Publikums auch ist, explizites Lob von einer Koryphäe wie Dave Liebman ist dann doch noch ein ganz anderer Gradmesser.

 ...mit Bürgermeister Bernd Strauch während einer Session

…mit Bürgermeister Bernd Strauch während einer Session

JoH: Wie schwer oder leicht ist es für Dich, von Jazzmusik zu leben?

Milzow: Eigentlich lebe ich vergleichsweise gut als Jazzmusiker. Einerseits gebe ich Konzerte mit eigenem Programm – das könnten gerne auch mehr sein –, andererseits gibt es Konzerte mit vielen Fremdtiteln, dann auch mit Sängerin. Hinzu kommen Studio-Jobs und Saxophon-Unterricht. Das ist ein Fulltime-Job, daneben kannst du nichts anderes mehr machen. Im Augenblick übe ich beispielsweise fünf bis sechs Stunden am Tag, erarbeite mir neues Material.

JoH: Wird üben nicht mal langweilig?

Milzow: Phasen, in denen ich einfach keinen Bock auf Üben habe, kenne ich durchaus. Wenn du aber nicht ein Durchschnittssaxophonist bleiben willst, musst du diesen Input einfach bringen, musst dir immer wieder neue Dinge erarbeiten, musst du, wann immer es geht, viele Stunden am Tag üben. Dabei bin ich froh, dass ich mich nie auf eine bestimmte Stilistik festgelegt habe, sonst wäre ich da jetzt wahrscheinlich drin gefangen. Mich haben aber immer schon viele Arten von Musik interessiert. Und wenn ich jetzt übe, dann vor allem Rhythmus, Melodie und Harmonie. Damit kannst du letztlich alles spielen.

JoH: Wie kam die Zusammenarbeit mit Rock-Gitarrist Andy Kammer in der Formation D’n’A Group zustande?

Milzow: Wir kennen uns schon viele Jahre, haben u.a. zusammen in einer Showband gespielt, auch war Andy Gastmusiker auf der Screenclub-Platte „Search for Truth“. Wir haben schon länger geplant, zusammen ein Bandprojekt aufzuziehen, in dem wir Jazz und Metal zusammenführen. Daran arbeiten wir nun.

JoH: Das hat aber nichts mit dem Rockjazz der 70er Jahre zu tun?

Milzow: Nein, wir machen kein Fusion. Dafür sind wir beide auch viel zu sehr songorientiert, arbeiten unsere Songs aus und belassen es nicht einfach bei irgendwelchen Tunes. Zudem improvisieren wir mehr und stehen gleichberichtigt in der Frontline, was man so oft auch nicht hört. In der Regel ist entweder das Saxophon oder die Gitarre dominierend.

JoH: Bandprojekt heißt aber nicht, es handelt sich um eine temporäre Geschichte?

Milzow: Wir haben vor, das langfristig zu machen. Für mich wird D’n’A Group meine zweite Band. Und nach den durchweg positiven Reaktionen vor allem nach dem Jazz Club-Gig sind wir natürlich umso motivierter, an diesem Thema zu arbeiten.

D’n’A Group

D’n’A Group

JoH: In Hannover ist The Screenclub sehr bekannt. Wie schwer ist denn, überregional Auftritte zu bekommen?

Milzow: Letztes Jahr hat The Screenclub das Jazzfestival Lübeck gespielt, war von Hamburg über Kiel bis Oldenburg im gesamten norddeutschen Raum unterwegs. Man muss sich sehr um diese Gigs kümmern. Der Aufwand, den ich fürs Booking betrieben habe, war schon enorm. Es kommt kein Veranstalter zu dir, sondern du musst sie alle anfragen. Das frisst Zeit und Energie.

JoH: Was wünscht Du Dir von Veranstaltern?

Milzow: Dass sie mutiger buchen. Nicht immer nur Chris Barber, nicht immer den altbekannten traditionellen Geschichten Raum geben, sondern noch mehr moderne Spielformen zulassen. Wenn wir regelmäßig den Jazz Club ausverkaufen, gelingt uns das vielleicht ja auch in anderen Locations. Es wird immer gerne von der Jazzhauptstadt Hannover geredet. Dann sollte man aber auch Jazz in all seinen Variationen abbilden.
Ich wünsche mir auch, als Berufsmusiker ernst genommen zu werden. Veranstalter sollten sich bewusst machen, dass hier Leute auf internationalem Niveau unterwegs sind. Studios in aller Welt kaufen sich für ihre Arbeit einen Saxophon-Sampler von David Milzow. Das machen die ja nicht, weil es sonst nichts in dem Bereich gibt.
Auch sollten einige Veranstalter endlich einsehen, dass man als Berufsmusiker von Dumping-Gagen nicht leben kann.

JoH: Was empfiehlst Du Deinen Schülern?

Milzow: Die Herangehensweise von Dave Liebman, die ich vorher selbst schon praktiziert habe, halte ich für sehr gut, nämlich sich wirklich mit allen Epochen intensiv zu beschäftigen. Also angefangen von traditionellem Jazz, Swing und Bebop bis hin zu Freejazz alle Phasen nachzuvollziehen; die allgemeine Entwicklung des Jazz zum Vorbild der eigenen Entwicklung zu nehmen, um auf diesem Weg seinen eigenen Geschmack, seinen eigenen Stil zu finden.

Interview und Fotos: Jens-Christian Schulze